Österreichischer Faustballbund - ÖFBB

1.10.2026

Faustball-Ehrenamtler in Österreich: Stefan Huemer – „Der Architekt“

Manche Funktionäre verwalten einen Verein. Andere verändern ihn. Als Stefan Huemer 2006 die Leitung der Faustballsektion in Vöcklabruck übernahm, waren seine Ziele klar: sportlicher Erfolg, finanzielle Stabilität und eine breitere Organisationsstruktur. Rund 20 Jahre später sind aus diesen Vorstellungen Realität geworden. Die Union Tigers Vöcklabruck zählen national wie international zu den erfolgreichsten Faustballvereinen, richten Großveranstaltungen aus und haben eine starke Vereinsgemeinschaft aufgebaut. Eine Entwicklung, die untrennbar mit dem Namen Stefan Huemer verbunden ist.

Begonnen hat diese Geschichte lange vor seiner Zeit als Sektionsleiter. 1984 kam Huemer als Jugendspieler zum Faustball. Sein älterer Bruder war bereits im Verein aktiv und überzeugte ihn, es ebenfalls zu versuchen. „Ich fand den Sport cool, hatte rasch Erfolge und habe neben meinem Bruder einige sehr enge Freundschaften geknüpft“, erinnert sich Huemer. Schon 1987 gehörte er fix zur ersten Bundesliga-Mannschaft, gleichzeitig war er Teil der Jugend- und Junioren-Nationalteamkader.

Auch als Huemer zum Studium nach Wien übersiedelte, blieb die Verbindung nach Vöcklabruck bestehen. Später rückte der aktive Spitzensport etwas in den Hintergrund. Gemeinsam mit seiner Frau Silke begleitete er auch die Kinder Marie, Jakob und Maximilian bei ihren Schritten im Faustball. Aus dem Spieler wurde immer stärker der Begleiter – und schließlich jener Mann, der die Entwicklung des gesamten Vereins entscheidend prägen sollte.

Erfolg braucht einen langen Atem

2006 befand sich die Faustballsektion in keiner einfachen Situation. Die finanzielle Basis war schwach, in der Organisation fehlten aktive Personen und auch der große sportliche Erfolg blieb aus. Einige Faustballfreunde überredeten Huemer schließlich dazu, die Leitung der Sektion zu übernehmen. Seine Ziele formulierte er klar: „Erstens sportlicher Erfolg – konkret irgendwann einen Herren-Staatsmeistertitel zu gewinnen. Zweitens eine finanziell stabile Situation und drittens eine breite Vereins-Organisationsstruktur aufzubauen.“

Heute muss Huemer nicht lange überlegen, wenn er die Tigers von damals mit dem Verein von heute vergleicht. „Eigentlich hat sich alles verändert.“ Aus einer ambitionierten Bundesliga-Mannschaft wurde ein nationaler und internationaler Spitzenverein. Die Tigers verfügen über zahlreiche Teams, längst auch im Frauenbereich, stehen finanziell solide da und können Veranstaltungen auf höchstem Niveau ausrichten. „Es ist eine richtige Vöcklabrucker Faustball-Familie entstanden.“

Die sportliche Bilanz ist beeindruckend. Elf Staatsmeistertitel in der Männer-Bundesliga holten die Tigers, dazu zahlreiche Doubles und internationale Erfolge. Unvergessen sind der Champions-Cup-Sieg 2021 vor eigenem Publikum und die Titelverteidigung 2022 in Widnau. 2024 gewannen die Tigers bei den World Tour Finals in Mannheim den Klub-Weltmeistertitel. Ein Jahr später gelang im eigenen Volksbankstadion die Titelverteidigung.

Für Huemer sind diese Erfolge kein Zufallsprodukt. „Eine Spitzenmannschaft kann sich nur entwickeln, wenn die Rahmenbedingungen im Verein passen.“ In Vöcklabruck sei vieles zusammengekommen: „Wir hatten eine goldene Generation, Familien, die dahintergestanden sind, faustballverrückte Trainer und Eltern – und einen langen Atem.“ Genau dieser letzte Punkt ist entscheidend. „Erfolge kommen nicht über Nacht. Man muss den Zeitpunkt schon auch erwarten können.“

Ehrenamt funktioniert nicht ohne Leidenschaft

Huemers Einfluss reicht weit über den Spielbetrieb hinaus. Unter seiner Führung entwickelte sich Vöcklabruck auch zu einem gefragten Veranstalter. Jugend-Europameisterschaft 2013, Final3-Veranstaltungen 2017 und 2019, Senioren-Weltmeisterschaft 2018, Champions Cups oder zuletzt die World Tour Finals 2025: Immer wieder verwandelten die Tigers ihre Anlage in eine internationale Faustball-Bühne. Besonders in Erinnerung geblieben sind Huemer der Champions Cup 2021 und die World Tour Finals 2025. Beide Male gewannen die Tigers vor eigenem Publikum. „Dieses Gefühl werde ich nie vergessen“, sagt er. „Diese Erinnerungen lassen die viele Arbeit davor und während der Veranstaltung zu einer Leichtigkeit verblassen.“

Für solche Events brauche es vor allem einen kleinen, verlässlichen Kern. „Du brauchst eine Handvoll hochkompetenter und hochmotivierter Leute, die sich die Organisation aufteilen und unterschiedliche Stärken haben.“ Sponsoren und weitere Unterstützer seien ebenso unverzichtbar. „Aber das Wichtigste ist, dass der Kern gut zusammenarbeitet. Da ist oft weniger mehr.“

Damit beschreibt Huemer zugleich eine der größten Herausforderungen im Vereinssport. Menschen für einzelne Veranstaltungen zu gewinnen, sei das eine. Sie über viele Jahre für eine gemeinsame Sache zu begeistern, etwas anderes. „Bei jedem Ehrenamt muss das Herz für die Tätigkeit brennen – in unserem Fall für den Faustball“, sagt Huemer. Besonders gut funktioniere das dort, wo ganze Familien mit dem Verein verbunden seien. „Ein paar Jahre geht das relativ leicht. Über Jahrzehnte nicht. Da muss schon viel zusammenpassen.“

In Vöcklabruck spielen Familien wie Müllehner, Karafiat oder Huemer seit vielen Jahren eine wichtige Rolle. Ähnliche Strukturen sieht Huemer auch in anderen erfolgreichen Vereinen. „Faustball ist ein Familiensport.“ Das zeigt sich bei den Tigers nicht nur bei großen Erfolgen. Ein wichtiger Termin im Vereinsleben ist beispielsweise ein ganz gewöhnlicher Donnerstag. Dann trainieren mehrere Mannschaften hintereinander oder nebeneinander, Profis, Nachwuchs, Hobbysportler und Funktionäre begegnen sich. „Dieser Kontakt und Austausch ist wesentlich für das Vereinsgefüge“, sagt Huemer. Dazu brauche es klare Strukturen, Verantwortlichkeiten, aber auch Empathie. „Wir haben sehr viele Personen im Verein, die das Herz am richtigen Fleck haben und gemeinsame Werte teilen und leben.“

Der richtige Zeitpunkt für die nächste Generation

Wer über Jahrzehnte ehrenamtlich arbeitet, investiert unzählige Stunden. Für Huemer ist dennoch klar, dass mindestens ebenso viel zurückkommt. „Sportliche Erfolge und gemeinsame Glücksmomente, viele gemeinsame Stunden bei Events, Trainings oder auch abseits des Faustballs.“ Viele seiner engsten Freunde sind Teil des Vereins. Mehr als 40 Jahre Tigers sind längst ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens geworden. „Nach der Familie ist der Verein vermutlich die größte Konstante.“ Vielleicht erklärt gerade das, warum sich die Entwicklung der Tigers nicht allein anhand von Pokalen und Meistertiteln erzählen lässt. Es sind auch Beziehungen, gemeinsame Reisen, Trainingsabende und Veranstaltungen, die aus vier Jahrzehnten eine Lebensgeschichte gemacht haben.

Heute blickt Huemer auf einen Verein, der vieles von dem verkörpert, was er sich 2006 vorgenommen hatte. „Mich macht es stolz, dass eigentlich alle Ziele, die ich mir vor 20 Jahren gesetzt habe, aufgegangen sind“, sagt er. „Die Tigers sind heute der Verein, den ich mir vor 20 Jahren vorgestellt habe. Ich würde eigentlich alles genauso machen, wenn ich noch einmal starten müsste.“ Gerade deshalb denkt Huemer zunehmend darüber nach, Verantwortung weiterzugeben. „Ich bin organisatorisch sicherlich im Herbst meiner Funktionärstätigkeit angelangt.“ In naher Zukunft werde er wohl stärker in die zweite Reihe wechseln und eine neue Vereinsführung dort unterstützen, wo seine Erfahrung gebraucht wird.

Für ihn passt das auch zur Entwicklung seiner eigenen Familie. Die Kinder ziehen sich langsam aus dem Leistungsfaustball zurück, andere Familien werden den Verein künftig stärker prägen. „Somit schließt sich der Kreis.“ Sorgen um die Zukunft der Tigers macht er sich nicht. Die nächste Generation sei längst Teil der Organisation und kenne den Verein von innen. Sein Rat bleibt dennoch klar: „Persönliches Engagement, eine klare Linie und klare Ziele, die richtigen gemeinsamen Werte und einen langen Atem braucht man.“ Warum sich dieser Einsatz lohnt, müsse er den Jungen nicht erklären. „Sie haben schon sehr viele schöne Stunden im Verein erlebt. Sie haben diesen Antrieb schon in sich.“

Es ist vielleicht einer der größten Erfolge eines Funktionärs: einen Verein nicht nur erfolgreich zu machen, sondern ihn so aufzustellen, dass die nächste Generation ihn weitertragen kann. Stefan Huemer hat die Union Tigers Vöcklabruck über Jahrzehnte mitgestaltet – als Spieler, Vater, Funktionär, Organisator und Sektionsleiter. Die Titel werden bleiben. Noch nachhaltiger sind die Strukturen und die Gemeinschaft, die dahinter entstanden sind.  Der Architekt der Tigers kann langsam einen Schritt zurücktreten. Das Fundament steht.

Jahr des Ehrenamtes

Sie stehen selten im Rampenlicht – und doch sind sie das Fundament unseres Sports: die vielen Ehrenamtlichen in Vereinen, Landesverbänden und im Spielbetrieb. Sie pfeifen Spiele, planen Turniere, organisieren Abläufe, betreuen Kinder, koordinieren Fahrten oder springen dort ein, wo gerade Hilfe gebraucht wird. Ihr Engagement hält den Faustball Tag für Tag am Laufen – oft unbemerkt, aber unverzichtbar.

Deshalb erklärt Faustball Austria das Jahr 2026 zum Jahr des Ehrenamtes. Ziel ist es, sichtbar zu machen, was im Hintergrund geleistet wird, und all jene zu würdigen, die unseren Sport möglich machen.

Der 6. Teil der Serie „Ehrenamt bewegt – Geschichten aus dem Faustball“ handelt über Stefan Huemer. Zuvor sind bereits folgende Storys erschienen:

Ideen für weitere Geschichten gerne an: [email protected].

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