
9.6.2026
Faustball-Ehrenamtler in Österreich: Gerald & Birgit Kempinger – „Die Teamplayer“
Manche Familien verbringen ihre Wochenenden gemeinsam beim Essen, andere beim Wandern – bei Familie Kempinger dreht sich seit Generationen vieles um den Faustballplatz. Training, Spieltage, Sitzungen, Nachwuchsarbeit: Faustball ist bei Gerald und Birgit Kempinger kein Hobby nebenbei, sondern ein fixer Teil des Familienlebens.
Seit Jahreswechsel 2025/2026 führen Vater und Tochter den FBC LINZ AG Urfahr gemeinsam als Doppelspitze im Vorsitz. Damit übernehmen zwei Menschen Verantwortung, die nicht nur der Verein verbindet, sondern auch ein gemeinsamer Zugang zum Ehrenamt: miteinander arbeiten, Aufgaben teilen und gemeinsam etwas bewegen. Genau dieses Teamdenken prägt nicht nur ihre Familie, sondern auch ihre Vorstellung davon, wie moderne Vereinsarbeit funktionieren kann.
Dass sie einmal gemeinsam einen Verein führen würden, war dabei nie ein konkreter Plan. Vielmehr entstand die Idee Schritt für Schritt. Nach vielen Jahren im Vorstand hatten der langjährige Vorsitzende Wolfgang Weiß und Schriftführerin Lisa Stanek angekündigt, ihre Funktionen zurückzulegen. Für den Verein ein großer Einschnitt. „Im Team war klar: Wir wollen weitermachen, aber alleine wollte beziehungsweise konnte niemand den Vorsitz übernehmen“, erzählen die beiden. Gerald brachte schließlich die Idee eines gemeinsamen Vorsitzes ein – Aufgaben teilen, Verantwortung gemeinsam tragen und gleichzeitig bewusst neue Wege gehen. „Für Birgit war es auch die Chance, als Frau sichtbar Verantwortung zu übernehmen.“
Faustball als Familiengeschichte
Wer mit Gerald und Birgit spricht, merkt schnell: Faustball ist in der Familie Kempinger weit mehr als nur ein Hobby. „Faustball ist bei uns wirklich Familiensache“, sagen sie lachend. Gerald lernte seine Frau Ingrid über den Sport kennen, in der Familie waren Generationen lang Faustballer:innen und Funktionär:innen aktiv. Bereits Geralds Bruder war vor rund 30 Jahren Obmann bei ASKÖ Urfahr, Ingrids Bruder wiederum Österreichs erster Frauen-Nationalteamtrainer.
Für Birgit bedeutete das: Aufwachsen am Faustballplatz. Gemeinsam mit Schwester Karin begann sie früh mit dem Training, später folgten sportliche Erfolge, Bundesliga und Nationalteam. Mittlerweile steht mit Birgits fünfjährigem Sohn schon die nächste Generation in der Ballstunde. „Faustball begleitet uns unser ganzes Leben – und ist auch bei Familienessen oft Gesprächsthema“, erzählen sie mit einem Augenzwinkern.
Fast fünf Jahrzehnte Ehrenamt
Geralds Weg ins Ehrenamt begann bereits 1978 mit der damaligen „Faustball-Lehrwart“-Ausbildung und der Betreuung von Jugendmannschaften bei ASKÖ Linz-Urfahr. Es folgten Jahre als Bundesligaspieler, später der Wiederaufbau des Frauenbereichs und die intensive Nachwuchsarbeit im Verein. Ab 2002 kümmerte er sich verstärkt um die Frauenmannschaft – genau in jener Zeit, als Birgit und ihre Freundinnen den Grundstein für spätere Bundesliga-Erfolge legten.
Bis 2020 war Gerald als Co-Trainer und Teammanager im Frauen-Bundesligateam aktiv. Parallel engagierte er sich im Präsidium der ASKÖ Oberösterreich. Mit dem Wechsel in den Vereinsvorsitz legte er diese Funktion schließlich zurück, um sich voll auf den FBC LINZ AG Urfahr konzentrieren zu können.
Auch Birgit fand früh ihren eigenen Weg in die Verantwortung. „Ein bisschen hineingewachsen, aber auch bewusst entschieden“, beschreibt sie ihren Zugang. Neben ihrer Spielerinnenkarriere absolvierte sie die Ausbildung zur staatlichen Trainerin, engagierte sich fast durchgehend im Nachwuchsbereich und war später für das U18-Frauennationalteam verantwortlich. 2018 wechselte sie schließlich auch offiziell in den Vorstand. „Rückblickend bin ich froh darüber, weil ich so aktiv mitgestalten kann, dass heutige Spielerinnen und Spieler genauso gute oder im Idealfall sogar bessere Rahmenbedingungen haben, wie ich sie erleben durfte.“
Ein Vorsitz im Team
Dass die Zusammenarbeit funktioniert, liegt nicht nur an den klaren Aufgabenverteilungen, sondern vor allem am gegenseitigen Vertrauen. Gerald kümmert sich stärker um Administration und wirtschaftliche Themen, Birgit um Strategie und sportliche Ausrichtung. Unterstützt werden sie von Stellvertreter Michael Kempinger-Kreil sowie einem großen Vorstandsteam.
„Wir versuchen wirklich, alles im Team zu besprechen“, sagen sie. Dazu wurden neue Strukturen geschaffen – unter anderem eine gemeinsame Geschäftsordnung und ein neuer Beirat. Für beide ist klar: Moderne Vereinsarbeit funktioniert nur gemeinsam.
Natürlich verschwimmen dabei manchmal die Grenzen zwischen Familie und Verein. „Dann wird beim Familienessen plötzlich doch wieder mehr über Faustball gesprochen als geplant“, erzählen sie lachend. Gleichzeitig sehen sie genau darin aber auch eine Stärke. „Wir wissen, wie der jeweils andere tickt und können unsere Stärken gut kombinieren.“
Große Ziele – sportlich und gesellschaftlich
Sportlich wollen die beiden den FBC LINZ AG Urfahr weiter an der nationalen und internationalen Spitze etablieren – sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern. Kurzfristig liegt der Fokus auf einer erfolgreichen Teilnahme der Männer bei den World Tour Finals in Chile. Gleichzeitig spielt die Nachwuchsarbeit eine zentrale Rolle. Vor allem im weiblichen Bereich spüre man aktuell enormen Aufwind. „Das möchten wir weiter fördern und ausbauen.“
Doch die beiden denken nicht nur sportlich. Gerade Birgits sichtbare Rolle als Frau im Vorsitz soll auch ein Zeichen setzen. „Wir möchten bewusst Impulse für mehr Chancengleichheit und Sichtbarkeit von Frauen im Sport geben.“
Was Ehrenamt zurückgibt
Fragt man Gerald und Birgit, warum sie all die Zeit investieren, sprechen sie nicht zuerst über Titel oder Erfolge. Vielmehr geht es um die Gemeinschaft. Um Kinder mit leuchtenden Augen in der Ballstunde. Um gelungene Veranstaltungen. Um gemeinsame Abende im Vereinsheim. Und manchmal einfach darum, gemeinsam mit dem Vorstandsteam bei einem Bier über Faustball zu philosophieren. „Der Verein und der Faustball haben uns so viel gegeben – sportliche Erfolge, Freundschaften und persönliche Entwicklung“, sagen sie. „Jetzt möchten wir etwas zurückgeben.“
Was würden sie Menschen sagen, die überlegen, selbst ein Ehrenamt zu übernehmen? Die Antwort kommt schnell: „Einfach machen!“ Ein Verein gebe unglaublich viel zurück – Freundschaften, Erlebnisse und das Gefühl, gemeinsam etwas bewegen zu können. Gerade als Familie könne das besonders bereichernd sein. Und vielleicht beschreibt genau das die Geschichte von Gerald und Birgit Kempinger am besten: Ehrenamt als gemeinsamer Weg – über Generationen hinweg.
Jahr des Ehrenamtes
Sie stehen selten im Rampenlicht – und doch sind sie das Fundament unseres Sports: die vielen Ehrenamtlichen in Vereinen, Landesverbänden und im Spielbetrieb. Sie pfeifen Spiele, planen Turniere, organisieren Abläufe, betreuen Kinder, koordinieren Fahrten oder springen dort ein, wo gerade Hilfe gebraucht wird. Ihr Engagement hält den Faustball Tag für Tag am Laufen – oft unbemerkt, aber unverzichtbar.
Deshalb erklärt Faustball Austria das Jahr 2026 zum Jahr des Ehrenamtes. Ziel ist es, sichtbar zu machen, was im Hintergrund geleistet wird, und all jene zu würdigen, die unseren Sport möglich machen.
Der dritte Teil der Serie „Ehrenamt bewegt – Geschichten aus dem Faustball“ handelt über Birgit und Gerald Kempinger. Zuvor sind bereits folgende Storys erschienen:
Ideen für weitere Geschichten gerne an: [email protected].
